Altern: Entwicklung, Reifung, Abbau
Altern (engl. Ageing, amerik. Aging): Biologischer, psychischer und sozialer Prozess, der nicht erst im höheren Lebensalter beginnt, sondern von Geburt an unumkehrbar fortschreitet. Er wird von ungünstigen äußeren Einflüssen beschleunigt, aber nicht verursacht. Alterungsvorgänge beeinflussen alle Aspekte des menschlichen Daseins; sie verändern die Funktion lebenswichtiger Organe ebenso wie die psychischen Funktionen und Leistungen. Manche Alterungsprozesse geschehen abrupt, so die Wechseljahre, andere schleichend über Jahrzehnte, wie der Verlust an Muskelkraft jenseits der 30, und wieder andere äußern sich nur in herabgesetzter Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Einflüssen wie Hitze und Kälte, Schlafmangel oder Krankheitserregern.
Wie schon gesagt: Das Altern beginnt nicht erst mit der Faltenbildung, vielmehr setzt es schon bei der Geburt ein. Bereits bei Säuglingen sind die ersten Fett- bzw. Lipideinlagerungen in den Blutgefäßwänden als Zeichen des arteriosklerotischen Alterungsprozesses nachweisbar, siehe auch Arteriosklerose. In den ersten 20 Lebensjahren wird das Altern in erster Linie als ein Prozess der Entwicklung und Reifung wahrgenommen, weil es mit einem Gewinn an körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit sowie sozialen Freiheiten verbunden ist. Kinder können es deshalb kaum abwarten, endlich zu den „Großen“ zu gehören.
Dagegen ist das Altern ab Anfang 20 geprägt vom Abbau der körperlichen und Teilen der geistigen Leistungsfähigkeit. Und eben dieser Abbau wird, je weiter er voranschreitet, immer stärker als Verlust empfunden – der Ausgangspunkt der Anti-Aging-Medizin.
Auf der anderen Seite: Menschen Anfang 20 sind nicht glücklicher als solche Ende 60 – im Gegenteil: Selbstorganisation, Bewusstheit und Lebensglück wachsen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, und fallen – im Durchschnitt aller befragten Menschen – erst wenige Jahre vor dem Tod wieder ab.
Verlust und Wachstum
Betrachtet man den Mensch als ganzheitliches, d. h. nicht nur körperliches, sondern auch seelisches und soziales Wesen, so finden im Alter neben Verlusten auch Wachstumsprozesse statt. So häufen sich im Alter zwar Verluste bezüglich der Sinnesfunktionen, der Muskelkraft und -koordination und teilweise auch bezüglich der sozialen Verankerung. Andererseits wachsen im Zuge der Auseinandersetzung mit Problemen des Lebens im Alter auch spezifische Kenntnisse und Problemlösungsstrategien, die auch als Weisheit bezeichnet werden.
Altern kann also sehr wohl Gewinn bringen: Gewinn an Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein und Gelassenheit – nicht umsonst werden Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft meist von Menschen über 40 bekleidet.
Allerdings muss angemerkt werden, dass die im Alter stattfindenden Wachstumsprozesse individuell variabler sind als die Abbauprozesse: Jeder Mensch wird alt, aber nicht jeder alte Mensch wird weise. Dieses individuell sehr verschiedene Wachstumspotenzial lässt sich auch durch Untersuchungen über die Entwicklung der Intelligenz belegen: Mehr als 40 % können ihre Intelligenz zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr halten, und einige, wenn auch nur etwa 10 %, können ihre geistige Leistungsfähigkeit noch im 8. Lebensjahrzehnt verbessern.Quelle:[C01]
Die Gleichung Alter = Verfall geht aber auch aus einem zweiten Grund nicht auf: Der Abbau von Funktionen in manchen Bereichen kann zum Teil durch Erfahrung und Spezialisierung kompensiert werden – altersbedingte Verluste können also teilweise durch altersbedingte Gewinne ausgeglichen werden. So wird in Untersuchungen an älteren Schreibkräften zwar eine Abnahme der Reaktionsgeschwindigkeit und damit ein langsamerer Tastenanschlag beobachtet, dieser Nachteil kann aber von vielen durch ein besseres Textverständnis und besseres „Vorauslesen“ ausgeglichen werden. Quelle:[C02]
Alter schützt vor Übung nicht
Wachstum im Alter wird durch einen dritten Faktor möglich, nämlich Übung. Denn bis ins hohe Alter lassen sich körperliche, geistige und soziale Kompetenzen durch Übung verbessern. Die Effekte sind zwar im Bereich des Herz-Kreislauf-Systems geringer als in jüngeren Jahren, aber gerade im Bereich der kognitiven Leistung sind durch Training im Alter deutliche Besserungen der Gedächtnisleistung und auch der allgemeinen Intelligenz zu erzielen.
Weiterführende Informationen
- G. Jacobi et al.: Kursbuch Anti-Aging. Thieme, 2004. Zwar für Ärzte geschrieben, aber in einer sehr verständlichen und informativen Art. Wer wirklich „alles“ wissen will, wird hier fündig.
- M. Stöhr: Die Wahrheit über Anti-Aging. Eichborn, 2005. Kritische Bewertung des einträglichen Geschäfts mit den Hormonen, Pülverchen, Wundermitteln und Schönheitsbehandlungen, die ewige Jugend versprechen. Dennoch zerstört der Autor die Hoffnung auf ewige Jugend nicht, macht aber deutlich, wie weit man durch Bewegung und Ernährung seine Gesundheit und Vitalität erhalten kann. Sehr empfehlenswert.
- C. M. Bamberger: Besser leben – länger leben. Droemer Knaur, 2005. Von einem der besten Experten, den Deutschland zu bieten hat. Positiv ist, wie der Autor die Selbstverantwortung stärken möchte – jeder kann selbst für ein langes und gesundes Leben (vor-)sorgen.
- J. Huber: Das Ende des Alterns. Econ, 2005. Aktuelle Aufbereitung der kompletten Bandbreite an wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen, die mit Anti-Aging zusammenhängen. Sehr empfehlenswert.
- J. Hillman: Vom Sinn des langen Lebens. Wie wir werden, was wir sind. Dtv, 2004. Spannend und dicht geschrieben, genauso wissenschaftlich fundierte wie philosophisch ausgearbeitete Blicke auf das Thema Altern. Ein ungewöhnliches Buch, das aus dem üblichen Ratgebereinerlei heraussticht.
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